Josef Weidenholzers Blog

Über Sozialpolitik, Europa und vieles mehr ...

Jänner Woche in Straßburg

Wahl des Parlamentspräsidenten am Mo. 16.1.2012

Die erste Straßburg Woche des Neuen Jahres werde ich so schnell nicht vergessen. Ich habe sie sehr bewusst erlebt, obwohl mich eine Grippe geplagt hat. Im Mittelpunkt stand die zur Halbzeit der Legislaturperiode anstehende Neuwahl des Präsidiums. Eigentlich war es ja “ausgedealt”, dass unser Fraktionsvorsitzender Martin Schulz dem Christdemokraten Polen Jercy Buzek nachfolgen sollte. Dennoch blieb es spannend. Einmal, weil es zwei zusätzliche Kandidaturen gab, zum anderen, weil viele annahmen, dass so manches Mitglied der EVP Schulz etwas “dünsten” lassen wollte und ihm daher viele davon einen zweiten Wahlgang vergönnten. Schulz schaffte es gleich im ersten Anlauf mit 57% der Stimmen recht souverän. Wohl auch deshalb, weil er sich dafür stark macht den Einfluss des Europäischen Parlaments gegenüber Rat und Kommission auszuweiten. In seiner Antrittsrede machte er auch eine klare Kampfansage in Richtung “Merkocy”, deren Politik den Eindruck erweckt, “man könne ein Mehr an Europa mit einem Weniger an Parlamentarismus schaffen”.

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Immer wieder Ungarn 


Ich bin gerade dabei,  meine Homepage umzubauen und habe deshalb auf meiner bisherigen Seite herumgesucht. Mir fiel auf, dass ich mich im abgelaufenen Jahr dreimal mit den Vorgängen in unserem östlichen Nachbarland Ungarn auseinandergesetzt habe. Von Mal zu Mal in einem pessimistischeren Ton. Das erste Mal ziemlich genau vor einem Jahr.

Damals hatte Ungarn gerade die Präsidentschaft der Europäischen Union übernommen und war wegen seiner Mediengesetze ins Schussfeld geraten. Der Regierung Orban gelang es damals mit großer Geschmeidigkeit die Kritik zu entschärfen und das Ärgste abzuwenden. Es lag auch im Interesse der Mächtigen auf europäischer Ebene sich nicht in einen Konflikt mit einer amtierenden Präsidentschaft zu begeben. Ja und die konservativen Parteifreunde wollte man aus falsch verstandener Solidarität auch nicht verprellen.

Ein Jahr später sieht die Situation anders aus. Mit ungewöhnlicher Schärfe hat der Präsident der Europäischen Kommission Jose Manuel Barroso in mehreren Briefen, über die Weihnachtsfeiertage hindurch, versucht, auf die ungarische Regierung einzuwirken. Im Mittelpunkt seiner Intervention stand die durch die „Reformen“ Orbans gefährdete Unabhängigkeit der ungarischen Nationalbank. Schade nur, dass die übrigen Kritikpunkte wie die Unabhängigkeit des Verfassungsgerichtes, die nationalistische Überdehnung des Staatsbürgerschaftsrechts oder die Einschränkung der Medienfreiheit zu kurz kamen. Schade auch, dass es zunächst der Demarche der amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton bedurfte, die auch ganz unverhohlen und direkt von der Gefahr des Abrutschens in einen autoritären Staat sprach. Erst nach ihrer Intervention wagte sich auch der Präsident der Europäischen Kommission aus seiner Deckung. Aber immerhin. Fortan ist das, was in Ungarn passiert nicht mehr eine rein innere Angelegenheit. Die europäischen Institutionen sind gefordert. Nicht nur die Hüterin der Verträge, die Europäische Kommission, auch der intergouvernemental tickende Europäische Rat, bei dem sich hoffentlich einiges an Wissen über die Regeln der Regierungskunst angesammelt haben könnte.

Im Besonderen ist aber das Europäische Parlament gefordert. Es geht darum, klar zu Entwicklungen Stellung zu nehmen, die alsbald auch andere Mitgliedsstaaten heimsuchen könnten. Jetzt schweigen heißt für immer schweigen.  In Ungarn ist ein Prozess in Gang gesetzt worden, der sich ähnlich einer Kernschmelze durch ganz Europa fressen kann (wird?) und in einer Zerstörung von Wohlstand und Demokratie enden könnte.

Am 2. Jänner, als sich die herrschenden Eliten des Landes in Anwesenheit des Staatspräsidenten in der Budapester Oper trafen, um das Inkrafttreten der neuen Verfassung zu feiern, da demonstrierten 100.000 Menschen für die Ungarische Republik. Die Bezeichnung  Republik ist ja mit der Verfassungsänderung verschwunden. Es beginnt sich Widerstand zu regen, neue Persönlichkeiten, abseits der alten Lager treten auf und neue Bewegungen, wie die der polnischen Solidarnosz nachempfundene Bewegung Szolidaritás um einen ehemaligen Gewerkschafter im Militärapparat. Diese greifen zu kreativen Protestformen und mobilisieren Gruppen, die bisher der Politik skeptisch gegenüberstanden.

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Mitglied des Europäischen Parlaments – ein kurzes update

Seit 2. Dezember 2011 bin ich nun offiziell Mitglied des Europaparlaments. Die ersten Schritte sind getan. Ich habe einen badge, der mich zum Eintritt in die Parlamentsgebäude in Straßburg und in Brüssel berechtigt, Büroräume an beiden Standorten, eine offizielle e-mail Adresse und eine Stimmkarte für die namentlichen Abstimmungen.

Orientierung zu bekommen steht momentan ganz oben auf meiner Prioritätenliste. Vor allem mein Hauptausschuss LIBE (Bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres) ist ein breites Feld. Seit Inkrafttreten des Lissabon Vertrages ist er einer der wichtigsten des Hauses. Unsere Zuständigkeiten bestehen – grob zusammengefasst – in:

  • Schutz der Bürgerrechte und Menschenrechte (im besonderen in Hinblick auf Minderheiten)
  • Maßnahmen der Bekämpfung jeglicher Diskriminierung
  • Datenschutz
  • Maßnahmen betreffend die Einreise und den Personenverkehr, Asyl und Zuwanderung
  • „Verwaltung“ der Außengrenzen
  • Polizeiliche und justizielle Zusammenarbeit in Strafsachen
  • Europäische Agentur für Grundrechte, Europol, Eurojust, Europäische   Polizeiakademie etc.

Mein zweiter Ausschuss wird endgültig erst nach dem nächsten Plenum, Mitte Jänner feststehen. Momentan sieht es nach ITRE (Industrie, Forschung, Energie) aus. Es könnte aber auch IMCO (Binnenmarkt und Verbraucherschutz) werden. Als Delegation wurde mir der Iran zugeteilt. Darauf freue ich mich sehr, weil ich seit meiner Studentenzeit viel mit Menschen aus dem Iran zu tun habe. Die Zeiten werden sehr turbulent werden und ich hoffe, dass es nicht zu einer kriegerischen Auseinandersetzung kommt. Die Lage sieht allerdings nicht sehr rosig aus.

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12. November – Der verlorene Staatsfeiertag

Bald werden 100 Jahre vergangen sein, dass Österreich in der heute gültigen Form  existiert: als parlamentarische Demokratie und europäischer Kleinstaat. Am 12. November 1918 wurde die Republik Deutsch -Österreich ausgerufen. Damit endete die jahrhundertealte Herrschaft der Habsburger Dynastie. Erstmals ging die “Macht vom Volk” aus. Für die Sozialdemokratie war dies der ersehnte Neubeginn, für manche freilich nur ein unabdingbarer Zwischenschritt zu einer besseren und gerechteren Zukunft.

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Die ungarische Krankheit 


Es sind aufregende Tage, die wir durchleben. Ein Hauch von Geschichte liegt in der Luft. Hektische Bemühungen der politisch Verantwortlichen sollen Sicherheit vermitteln und stellen dennoch nur deren Unvermögen, die Lage in den Griff zu bekommen, bloß. Das Gesetz des Handelns liegt nicht mehr bei der Politik, sondern in den Händen hypernervöser Finanzjongleure.

Die Börsenkurse sind wie Fieberkurven. Alle wissen, dass etwas nicht mehr stimmt. Die Politik scheint die Kontrolle verloren zu haben. Hatten wir schon einmal – damals in den 1930-ern. Niemand leugnet mehr den Ernst der Lage. Hektisch werden die Symptome bekämpft. Erfolglos, wie eine organische Erkrankung, die man nicht mit Aspirin C niederkämpfen kann.

Neben den auf diese Weise zur Erfolglosigkeit Verdammten machen sich immer häufiger allerlei Kurpfuscher bemerkbar, die ebenfalls nicht bei den Ursachen der Krise ansetzen wollen, sondern vielmehr abstruse Heilmethoden vorschlagen. Und nicht davor zurückscheuen, pures Gift einzusetzen.
Der Nationalismus ist so ein Gift, schon in geringer Dosierung extrem schädlich.

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Voll daneben – Wirtschaftsprognosen anno 2003

Die Zeitungen sind voll von Ausblicken auf die Zukunft. Wird der Euro überleben, wird Griechenland die ihm aufgezwungen Sparziele verfehlen, erwischt es Italien? Wie soll man sein Vermögen schützen? Immobilien, Gold oder auf die EZB vertrauen?

Kein Tag vergeht ohne irgendwelche Analysen von Börsengurus, die schon immer alles wussten oder Szenarien, denen man die Sorgenfalten ankennt, die die Chefvolkswirte der großen Banken berufsmäßig aufziehen. Dieses sich wie eine Mure durch sämtliche Medien wälzende Konglomerat an Prognosen, Horrorszenarien und Beschwichtigungen verunsichert nicht nur die Anleger, sondern auch die vielen um ihr Erspartes Besorgten. Es zerstört die Vertrauensbasis, ohne die Wirtschaft nicht funktionieren kann. Und natürlich ist es die Basis für die Anlagestrategien der großen Fonds. Strategie ist freilich schon lange keine mehr zu erkennen. Eher sind das hypernervöse Versuche, vermeintliche oder tatsächliche Risken zu minimieren.

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Urlaubsgrüsse

Wer kennt das nicht, dieses Gefühl. Tagelang bin ich jetzt faul am Strand herumgelegen, hab mir die Sonne auf den Bauch scheinen lassen und mein Urlaubsbuch, die Olof Palme Biographie von Henrik Berggren ausgelesen. Ein paar wunderbare Tage, die Körper und Geist gut tun.
Irgendwann aber stellt sich die Unternehmungslust ein. Nichts wie weg vom Strand! Wozu sind wir schließlich in Kreta? Wo ich bis dato noch nicht gewesen bin. Mit dem Mietauto das Land erkunden – as usual.

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Ö1 Sommergespräch: “Zukunft Europas”

Mittwoch, 03. August 2011: Sommergespräche (5): Josef Weidenholzer. Gestaltung: Cornelia Krebs

Seit 20 Jahren ist Josef Weidenholzer Präsident der Volkshilfe Österreich. Ein Gespräch über das brennende Thema Pflege, Ehrenamtlichkeit, die Rolle der Zivilgesellschaft und die Zukunft Europas. http://oe1.orf.at/programm/280655

Hörprobe: Audio als mp3

Back to basics – Reflections on the future of social democracy

The global financial crisis has resulted in significant changes of the European political landscape. In this way, the points of reference for political parties have been fundamentally changed. A major influence in this context is the decline in significance of leftist and progressive parties as observed across all EU Member States. This decline leaves a vacuum that is often thrust into by far right populist movements. One example is Austria, that has been shaped by Social Democracy for decades. Here, the Liberty Party manages to present itself as a social homeland party. Even though this is not backed up by policy competence, the aggressively presented slogans often also appeal to a formerly social democratic electorate.

Similar developments can also be observed in other EU Member States. Their concrete level of peculiarity depends on the corresponding political culture, the institutional setting as well as the quality of mass media. These far right populist movements of course do not only maneuver along classic focal points including nationalism, racism, xenophopia or the restoration of traditional values. A central topic of the far right discourse is marked by the concentration on social exclusion. The promise to re-establish social justice is particularly appealing to those that have been left behind in the modernization and globalization processes or have been affected by the global financial crisis.

Read the full text: queries – online scientific magazine / Foundation for European Progressive Studies (FEPS)

Bauchfleck

Einen Meilenstein in der Geschichte der „Sozialen Heimatpartei“ auf dem Weg zur Machtergreifung sollte der Parteitag der FPÖ diese Woche in Graz markieren.

Eine Zeitenwende sollte er einläuten. Die FPÖ wollte Regierungsfähigkeit demonstrieren: mit einem neuen Parteiprogramm und einem Schattenkabinett. Das Parteiprogramm, seit 2007 immer wieder angekündigt, sollte gleichsam in Stein gemeißelt, den neuen Zeiten den Weg weisen und die „Jahrzehnte überdauern.“ Dem Programmkoordinator und politischen Multitalent Norbert Hofer wurden ob dieser Herkulesarbeit, wie er mit stolzem Unterton beklagte die Haare grau.

Das Ergebnis freilich ist mehr als bescheiden: ein kurzer Grundsatzteil, der sich als Reverenz an das sorgfältig gepflegte Image der unerschrockenen Kämpfer für das christliche Abendland „Zehn Gebote“ nennt, leitet zu einem langatmigen und nicht immer widerspruchsfreien Langteil über. Ein erstes Kurzresume: sein Inhalt hat die Jahrzehnte überdauert und atmet den (Un)Geist des nationalen Liberalismus. Ein Europa der Vaterländer, viel Familienpolitik und Sicherheit, Freiheit sehr nebulos, aber plakativ, ein bisschen Volksgemeinschaft. Alles schon gehabt und viel präziser formuliert. Aber wie es so ist mit Remakes, meistens gelingen sie nicht.

Auch eine fast zweistündige Rede des Parteivorsitzenden, fast im Stile Ceausescus und gespickt mit Hasstiraden und den üblichen Untergriffen konnte dem Unterfangen nicht den erhofften Glanz geben. Am Ende reichte es nur für 94% der Delegiertenstimmen für den Bundeskanzler im Wartestand.

Auch das „Schattenkabinett“, das er ursprünglich großspurig angekündigt hatte, geriet kursorisch. Nichts neues, altbekannte Recken, wie Kickl, Vilimsky, Mölzer, der Hoffnungsträger Gudenus, die unvermeidliche Rosenkranz oder der um die Umdeutung der Geschichte bemühte Stefan. Dazu natürlich Programmschreiber Norbert Hofer und als Lockvogel für das bürgerliche Wählervolk, die Prinzhorn Vertraute Barbara Kappel. Letztere könne als Garanten dafür gelten, dass es unter Blau- Schwarz dort weitergehen könnte, wo Schwarz- Blau besonders umtriebig war.

Das politische Multitalent Hofer ist nicht nur Behinderten- und Umweltsprecher seiner Partei, er fungiert auch als Aufsichtsrat der MAP JetAG
, die zur Hälfte der PAF-Privatstiftung gehört, deren Vorsitzender er ebenfalls ist. Diese Gesellschaft bemüht sich der angeschlagenen AUA Konkurrenz zu machen.

Barbara Kappel ist zur Zeit Wiener Gemeinderätin und Präsidentin von Austrian Technologies – Bundesagentur für Technologietransfers und Sicherheitsforschung, welche sich besonders um die Zusammenarbeit mit der russischen Wirtschaft bemüht und dabei sehr auffällig Hans -Christian Strache platziert. Sie ist nicht nur im russischen Immobilienhandel aktiv, sondern auch Anteilseignerin einer Firma, die sich auf Sicherheitseinrichtungen für jene Schiffe spezialisiert hat, die vor Somalia von Piraten überfallen werden. Versteht sich von selbst, dass sie für die Privatisierung des Wiener Flughafens eintritt.

Einen Neuanfang, wie das die FPÖ tagtäglich über die übermächtige Boulevardpresse ihrer Wählerschaft suggeriert kann man mit einem derartigen Programm und einem derartigen Team wohl kaum schaffen. Der Parteitag hat den hochgesteckten und wohl nicht ehrlich gemeinten Anspruch, „die letzte Hoffnung“ der von Folgen der Krise verunsicherten Menschen zu sein, grandios entzaubert. Eigentlich müsste das ausreichen, auch die FPÖ endgültig zu entzaubern.

Wie die jüngsten Umfragen zeigen wird dies nicht der Fall sein. Die Menschen laufen den Freiheitlichen zu, genauer, sie laufen den etablierten Parteien davon. Darüber sollten wir nachdenken und wie sich dieser Prozess stoppen lässt. Eines ist nach diesem Wochenende gewiss: Einen übermächtigen Gegner stellt die Strache FPÖ nicht dar. Es lohnt sich daher auch nicht, zu glauben, man könne sie im Zaum halten wenn man sich ihr annähert.